Zweinutzungshuhn: Wofür das Vorwerkhuhn gezüchtet wurde
Ein Hamburger Kaufmann begann 1902 mit einem klar geplanten Zuchtversuch. Wie aus Lakenfelder, Orpington und Ramelsloher das Vorwerkhuhn entstand und was Zweinutzung bedeutet.

Zweinutzungshuhn: Wofür das Vorwerkhuhn gezüchtet wurde
Wir halten Vorwerkhühner auf den Wiesen rund um den Hof. Die Rasse ist heute selten, in der industriellen Geflügelzucht spielt sie keine Rolle, in der Erhaltungszucht eine umso größere. Was das Vorwerkhuhn auszeichnet, ist eine Eigenschaft, die in der modernen Hühnerhaltung weitgehend verschwunden ist: Es legt zuverlässig Eier und liefert dabei ein Tier, das man auch wegen seines Fleisches halten kann. Das nennt sich Zweinutzung. Hier erklären wir, was dahintersteckt, und erzählen die Geschichte des Mannes, der die Rasse erfand.
Was Zweinutzung bedeutet
In der modernen kommerziellen Hühnerhaltung gibt es zwei spezialisierte Linien. Die Legerassen sind auf maximale Eierzahl pro Jahr gezüchtet, sie sind klein, leicht und liefern wenig Fleisch. Die Masthybriden sind auf schnelles Fleischwachstum gezüchtet, sie sind groß, schwer und legen kaum Eier. Beide Linien sind hochspezialisiert und in der Regel Hybridkreuzungen, also keine eigenständigen Rassen.
Ein Zweinutzungshuhn dagegen ist eine Rasse, die beides leisten soll. Die Hennen legen regelmäßig, die Hähne setzen genug Fleisch an, um geschlachtet zu werden. Beide Geschlechter haben einen Platz. Das war über Jahrhunderte das Normale, weil ein Bauernhof keine Hühner ausschließlich für die eine oder die andere Aufgabe hielt. Wer Eier wollte, brauchte auch Tiere, die wuchsen, weil sonst die Hähne aus jedem Schlupf umsonst gefüttert wurden.
Mit der industriellen Hühnerzucht in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts verschwanden die Zweinutzungsrassen weitgehend aus der kommerziellen Haltung. Sie waren in keiner einzelnen Disziplin so produktiv wie die spezialisierten Linien. Im Hofbetrieb mit eigener Verwertung sind sie es bis heute.
Oskar Vorwerk, der Hamburger Kaufmann
Das Vorwerkhuhn ist eine Designerrasse. Anders als die meisten Hühnerlinien, die sich über Generationen in einer Region herausbildeten, hat es einen einzelnen Begründer und einen klaren Plan.
Oskar Vorwerk war ein begüterter Hamburger Kaufmann, der in Othmarschen lebte. Im Juni 1901 fasste er den Entschluss, eine eigene Hühnerrasse zu züchten. Im Frühjahr 1902 begann die praktische Zuchtarbeit.
Was Vorwerk vorschwebte, lässt sich aus seinen eigenen Notizen rekonstruieren. Er wollte ein Huhn, das die Zeichnung der Lakenfelder hat, also einen weißen Körper mit schwarzem Hals und schwarzem Schwanz. Er wollte aber kein Lakenfelder, sondern ein deutlich kräftigeres, fleischigeres Tier mit besserer Legeleistung im Winter. Das Resultat sollte erkennbar von beiden Geschlechtern getragen werden, was bei den meisten Hühnerrassen nicht der Fall ist (Hennen und Hähne sehen typischerweise sehr unterschiedlich aus). Die Anekdote über den Namen Lakenfelder ist überliefert: Vorwerk zeigte einem Besucher seinen Bestand, und der bemerkte beiläufig „sehr nett, die kleinen grauen Tierchen". Aus dem Wunsch, etwas Solideres als „kleine graue Tierchen" zu züchten, entstand das spätere Projekt.
Vier Rassen, eine Mischung
Die Kreuzungsarbeit verlief über mehrere Jahre und nutzte vier Rassen, jede für ein bestimmtes Merkmal.
Die Lakenfelder brachten die charakteristische Zeichnung mit. Schwarzer Hals, schwarzer Schwanz, gelber Körper.
Die Ramelsloher brachten Wüchsigkeit und Statur. Ramelsloher sind eine alte norddeutsche Rasse mit kräftigem Knochenbau und gutem Fleischaufbau.
Die gelben Orpington wurden eigens aus England importiert. Orpingtons sind moderne, schwere Hühner mit hervorragender Winterlegetätigkeit. Sie brachten die Masse mit, die das Vorwerkhuhn als Fleischlieferant nutzbar macht.
Die Andalusier wurden später in den Zuchtprozess einbezogen, um die Unterfarbe der Tiere zu festigen.
Bei einem jährlichen Bestand von rund 300 Tieren und einer strengen Selektion erreichte Vorwerk ab 1910 eine vererbungssichere Linie. Das heißt: Die Kreuzungstiere gaben ihre Merkmale zuverlässig an die nächste Generation weiter, ohne dass die alten Rassen wieder durchschlugen.
Anerkennung und früher Erfolg
Ab 1912 wurde die neue Rasse auf den großen deutschen Geflügelausstellungen in Hamburg, Berlin und Chemnitz öffentlich vorgestellt. Die offizielle Anerkennung als eigenständige Rasse erfolgte 1919, ein Jahr nach Kriegsende.
In den ersten Jahrzehnten war das Vorwerkhuhn relativ verbreitet. Es passte zur Zeit, in der die meisten Höfe Geflügel für den Eigenbedarf hielten. Im Februar 1933 starb Oskar Vorwerk im Alter von 68 Jahren an einem Herzschlag. Er hatte testamentarisch verfügt, dass seine Tiere unter den ihm bekannten Züchtern verteilt werden. Die Zuchtgemeinschaft war zu diesem Zeitpunkt gefestigt genug, um auch ohne ihren Begründer weiterzuarbeiten.
Warum die Rasse heute selten ist
Mit dem Aufkommen der spezialisierten Lege- und Masthybriden ab den 1950er Jahren verloren die Zweinutzungsrassen ihre wirtschaftliche Basis. Wer Eier in großer Menge wollte, hielt White Leghorn oder ähnliche Hochleistungs-Hennen. Wer Hühnerfleisch in großer Menge wollte, hielt Broiler-Hybriden, die in sechs Wochen das Schlachtgewicht erreichen.
Das Vorwerkhuhn legt im Jahr etwa 170 bis 190 Eier. Eine kommerzielle Lege-Hybride legt 300. Das Vorwerkhuhn braucht für das Schlachtgewicht von rund zwei Kilogramm bei einem Hahn etwa fünf bis sechs Monate. Eine Broiler-Hybride braucht sechs Wochen für drei Kilogramm. In beiden Disziplinen ist das Vorwerkhuhn dem Hybriden unterlegen. In der Summe ist es das nicht: Es liefert genug Eier, um eine Familie zu versorgen, und genug Fleisch, um die männlichen Tiere aus jedem Schlupf verwerten zu können.
Die Initiative zur Erhaltung alter Geflügelrassen führt das Vorwerkhuhn als Erhaltungszuchtrasse. Es ist heute eine der häufiger gezüchteten alten deutschen Hühnerrassen, weil die Population in den letzten Jahrzehnten wieder gewachsen ist. Robust und zutraulich gilt es als gut, mit der Weidehaltung kommt es gut zurecht.
Was die Tiere bei uns leisten
Auf unseren Wiesen bewegen sich die Vorwerkhühner frei und suchen sich einen Teil ihrer Nahrung selbst. Sie sind gute Futtersucher, das ist eine ihrer charakteristischen Eigenschaften. Die Eier finden, die täglich an verschiedenen Stellen entstehen, gehört zu den Aufgaben, die man als Halter dieser Rasse zu erledigen lernt. Hybride Hennen legen punktgenauer im Legenest, dafür sehen sie weniger vom Hof.
Im Vergleich zur kommerziellen Mast-Hühnerbrust ist die Brust eines Vorwerkhuhns kleiner und kompakter. Die Faser ist fester, das Fleisch dichter im Geschmack. Wer sich an die schnellgewachsene Mastbrust gewöhnt hat, braucht beim ersten Mal eine Mahlzeit, um die Umstellung zu akzeptieren. Danach geht es nicht mehr zurück.
Dass die Rasse ein Hamburger Kaufmann namens Vorwerk vor hundertzwanzig Jahren entworfen hat, weiß heute kaum jemand. Dass sie auf einem Hof in Mittelholstein steht und vergleichbares leistet wie damals, hat etwas Beruhigendes. Manche Konstruktionen halten.
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Quellen:
- Sonderverein der Züchter des Vorwerkhuhns: Geschichte
- Wikipedia: Vorwerkhuhn
- PROVIEH: Vorwerkhühner
- Erhaltungszucht-Gefluegel.de: „Vorwerkhuhn, Historisches und Aktuelles"

