Wissen · 23. Mai 2026

Herdbuch: Warum es bei der Tierzucht entscheidend ist

Ein Herdbuch dokumentiert Abstammung, Leistung und Merkmale jedes eingetragenen Tieres. Was ein Stammbuch konkret leistet und warum es für Erhaltungszucht entscheidend ist.

Aberdeen-Angus-Gruppe auf der Weide
Aberdeen-Angus-Gruppe auf der Weide

Herdbuch: Warum es bei der Tierzucht entscheidend ist

Wir bezeichnen uns als Herdbuchzuchtbetrieb. Was das praktisch bedeutet, ist außerhalb der Landwirtschaft wenig bekannt. Ein Herdbuch ist die offizielle Stammbuch-Verwaltung einer Rasse. Es dokumentiert für jedes eingetragene Tier die Abstammung, das Geburtsdatum, das Geschlecht und eine Reihe von Leistungsmerkmalen. Hier erklären wir, warum dieses Verzeichnis bei der Tierzucht keine Verwaltungsformalität ist, sondern die Grundlage jeder ernsthaften Rassezucht. Und warum es besonders bei seltenen Rassen wie dem Angler Sattelschwein über das Überleben der Rasse entscheidet.

Was ein Herdbuch konkret ist

Ein Herdbuch ist ein verbindliches Register, das von einem anerkannten Zuchtverband geführt wird. Eingetragen werden alle Tiere einer Rasse, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dazu gehören in der Regel:

Pro Tier wird ein Datensatz angelegt. Er enthält den Namen oder die Nummer des Tieres, die Eltern, oft mehrere Generationen rückwärts, und die züchterischen Daten: Lebendgewicht, Schlachtgewicht, Kalbeverhalten, Wesensbeurteilung, bei Hornlosigkeit das Ergebnis eines Gentests, der homozygote oder heterozygote Hornlosigkeit unterscheidet.

Wer ein Tier aus einer Herdbuchzucht kauft, kauft mit ihm dieses ganze Datenpaket. Bei Zuchttieren ist das essenziell, weil die Eignung für die Weiterzucht von der dokumentierten Abstammung abhängt.

Wer Herdbücher führt

In Deutschland sind die Zuchtverbände für die Führung der Herdbücher zuständig. Für Aberdeen Angus ist das der Bundesverband Deutscher Angus-Halter, für Angler Sattelschweine sind es regionale Verbände, etwa der Förderverein Angler Sattelschwein und der Schweinezuchtverband Schleswig-Holstein. Für Pferde gibt es eigene Zuchtverbände nach Rasse, zum Beispiel den Holsteiner Verband und den Oldenburger Pferdezuchtverband.

Die Verbände arbeiten innerhalb des deutschen Tierzuchtgesetzes und nach Vorgaben der Europäischen Union zur Zuchtbuchführung. Das gibt der Eintragung eine rechtliche Verbindlichkeit. Ein Zuchtbuchauszug ist ein offizielles Dokument, das vor einem Käufer oder einem Gericht Bestand hat.

Was eingetragen wird und wer das prüft

Die Eintragung eines Tieres in das Herdbuch ist kein Selbsteinschreiben. Sie erfolgt nach einer Prüfung durch einen Zuchtwart oder eine Zuchtkommission des Verbandes.

Der Zuchtwart kommt auf den Hof, beurteilt das Tier nach Rassemerkmalen und nimmt die Maße. Bei Hornlosigkeit wird in den meisten Verbänden zusätzlich ein Gentest verlangt, der die Hornlosigkeit als homozygot (zwei Allele für hornlos) oder heterozygot (ein Allel für hornlos, eines für gehörnt) klassifiziert. Beim Aberdeen Angus zum Beispiel ist die homozygote Hornlosigkeit ein wichtiges Merkmal, weil sie sicherstellt, dass alle Nachkommen ebenfalls hornlos sein werden.

Bei Leistungsmerkmalen werden die Daten der einzelnen Generationen festgehalten. Bei Rindern sind das vor allem das Geburtsgewicht, die tägliche Zunahme bis zum Schlachtalter, das Schlachtgewicht und die Bewertung des Schlachtkörpers. Bei Sauen kommen die Anzahl lebend geborener Ferkel pro Wurf, die Aufzuchtquote und die Säugeleistung dazu. Bei Pferden ist die Liste länger und beinhaltet sportliche Leistungen, Prämierungen auf Schauen, gesundheitliche Untersuchungen.

Warum Herdbuch bei Reinzucht der Standard ist

Wer eine Rasse rein züchten will, also Tiere derselben Rasse miteinander verpaart, braucht eine zuverlässige Information über die Abstammung. Sonst lässt sich nicht ausschließen, dass eine Linie unbemerkt eingekreuzt wurde.

In der Praxis arbeiten ernste Zuchtbetriebe ausschließlich mit Herdbuchtieren. Die Vorteile sind konkret. Die Tiere haben eine planbare Vererbung. Krankheitsrisiken, die in bestimmten Linien gehäuft auftreten, sind dokumentiert. Käufer und Käuferinnen können die Eltern und Großeltern einsehen und beurteilen, was ihr Tier mitbringt.

Daneben spielt der wirtschaftliche Aspekt eine Rolle. Ein eingetragenes Herdbuchkalb oder -ferkel ist im Verkauf mehr wert als ein nicht eingetragenes. Der Mehrpreis deckt einen Teil der Mehrkosten ab, die durch die Eintragung und durch die strengere Selektion entstehen.

Erhaltungszucht: Herdbuch als Lebensversicherung

Bei seltenen Rassen wird das Herdbuch zur Lebensversicherung. Ohne lückenlose Dokumentation der vorhandenen Tiere ist eine Erhaltungszucht nicht möglich. Wenn die Population einer Rasse klein ist, im Fall des Angler Sattelschweins Anfang der 1990er Jahre weniger als zehn Sauen, dann muss bei jeder einzelnen Paarung darauf geachtet werden, dass keine Linien verlorengehen.

Verbandszüchter arbeiten in diesen Fällen mit Stammbäumen, die sie auf den letzten gemeinsamen Vorfahren prüfen. Wer einen Eber aus Linie A mit einer Sau aus Linie A verpaart, verliert genetische Vielfalt. Wer Linie A mit Linie B kombiniert, erhält sie. Diese Entscheidungen lassen sich nur treffen, wenn man die Linien kennt, und kennen lässt sie sich nur über das Herdbuch.

Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) führt eigene Rote Listen, in denen sie den Erhaltungsstatus alter Rassen bewertet. Eine Rasse, die nicht durch ein aktives Herdbuch gestützt wird, gilt automatisch als gefährdeter. Das Herdbuch ist hier kein Schreibtischwerk, sondern operative Voraussetzung.

Was es für Käufer und Käuferinnen bedeutet

Auch wer kein Zuchttier kauft, sondern Fleisch von der Theke, profitiert indirekt vom Herdbuch.

Wer beim Erzeuger einen Aberdeen Angus oder ein Angler Sattelschwein kauft, kauft Fleisch von einem Tier mit dokumentierter Abstammung. Das ist mehr als ein Aufkleber auf der Verpackung. Die Eintragung im Herdbuch ist die belegbare Aussage, dass das Tier dieser Rasse angehört. Wer ein Stück Fleisch ohne Bezug zu einem Herdbuch kauft, kauft Fleisch ohne diese Sicherheit.

Bei Aberdeen Angus existiert in den USA mit „Certified Angus Beef" eine Marke, die nur Fleisch von herdbucheingetragenen Angus-Tieren mit zusätzlichen Qualitätsmerkmalen trägt. In Deutschland gibt es eine vergleichbare Marke nicht, die Information läuft hier über den direkten Kontakt zum Erzeuger.

Was wir auf dem Hof machen

Wir führen unsere Aberdeen-Angus-Zucht als Herdbuchbetrieb. Jedes Kalb wird nach den Vorgaben des Bundesverbandes Deutscher Angus-Halter eingetragen. Die Hornlosigkeit ist über Generationen homozygot fixiert. Bei den Angler Sattelschweinen arbeiten wir innerhalb des regionalen Herdbuchs und stehen damit im Zusammenhang mit der Rettung der Rasse seit 1992.

Was das für Sie als Kundin oder als Kunde bedeutet, ist nicht das Datenblatt selbst. Es ist die Tatsache, dass hinter jedem Stück Fleisch ein Tier steht, dessen Abstammung wir nachweisen können. Das ist kein Marketing-Etikett, das ist eine offizielle Eintragung in einem Verband. Sie ist überprüfbar.


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